„Mache ich morgen!“ – Ist Prokrastination eine psychische Krankheit?
Wir alle kennen diese Momente: Die Deadline rückt näher, die To-do-Liste wird immer länger – und plötzlich glänzt die Wohnung so sauber wie seit Jahren nicht mehr. Oder wir verlieren uns im zehnten YouTube-Video über die Zucht von Bonsai-Bäumen, während das wichtige Projekt für die Arbeit oder das Studium unangetastet bleibt.
In meiner Privatpraxis für Psychotherapie in Hamburg-Hoheluft werde ich oft gefragt, ob dieses Verhalten krankhaft ist oder ob man es einfach nicht auf die „Reihe“ bekommt. Häufig haben die Menschen, die zu mir kommen, schon eine längere Leidensgeschichte hinter sich. Sie haben immer wieder die Erfahrung gemacht, die Dinge einfach nicht geregelt zu bekommen. Mit der Zeit nagt das massiv am Selbstbewusstsein.
Krank oder nur unfähig? Die Antwort ist psychologisch gesehen interessant und vielschichtig – und sie hat weniger mit Disziplin zu tun, als du vielleicht denkst.
5 Minuten Lesedauer
Inhalt
- Prokrastination: Was ist das eigentlich?
- Die Ursache: Warum wir genetisch auf „Aufschieben“ programmiert sind.
- Prokrastination und Depression: Ein gefährlicher Kreislauf
- Prorastination überwinden: Raus aus der Aufschieberitits!
- Fazit: Du bist nicht faul – du bist menschlich
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Prokrastination: Was ist das eigentlich?
Prokrastination ist weniger ein Zeitmanagement-Problem als vielmehr ein Emotionsregulations-Problem. Es handelt sich um eine Anstrengungsvermeidung zugunsten des kurzfristigen Wohlbefindens.
Wir schieben Dinge auf, weil uns die Aufgabe gerade zu lästig oder unangenehm erscheint. Wir wählen stattdessen eine Tätigkeit, die sich angenehmer anfühlt – obwohl wir wissen, dass uns das später auf die Füße fallen wird. Es ist der Krieg zwischen deinem „Gegenwarts-Ich“, das jetzt sofort Ruhe oder Spaß will, und deinem „Zukunfts-Ich“, das später die Zeche zahlen muss.
Die Ursache: Warum wir genetisch auf „Aufschieben“ programmiert sind
Nach dem Ansatz der Integrativen Kognitiven Verhaltenstherapie ist das kein individuelles Versagen – wir kommen mit diesem Verhaltensmuster bereits auf die Welt. Wir alle streben von Geburt an nach Lustmaximierung und Unlustvermeidung.
Eine komplexe Aufgabe zu beginnen, bedeutet oft kurzfristige Unlust (Anstrengung, Konzentration, Frust). Wenn du diese Arbeit beiseitelegst und stattdessen eine Serie schaust oder die Wohnung putzt, fühlst du dich im Moment erleichtert. Langfristig sind die Konsequenzen jedoch erheblich.
Die Architektur unserer Entscheidungen
Bei Entscheidungen, deren Struktur so gelagert ist, dass die Anstrengung im Jetzt liegt und die Belohnung in der Zukunft (zum Beispiel: „Ich gehe jetzt zum Sport – Anstrengung – und fühle mich erst danach gut“), fällt unsere Wahl häufig auf die Alternative, die sofortige Belohnung verspricht („Sofa und Chips“). Es fällt uns schlicht leichter, Entscheidungen zu treffen, deren Belohnung im Hier und Jetzt stattfindet, während die negativen Konsequenzen weit weg in der Zukunft liegen. Soweit ist das erst einmal völlig normal und vereint uns als Menschen.
Von der Frustrationsintoleranz zur Toleranz
Im Laufe unseres Lebens – und diese Lernphase findet meist in der Kindheit statt – sollten wir lernen, dass wir zum Erreichen von Zielen Frust oder Unlust aushalten müssen. Wir kommen mit einer Frustrationsintoleranz zur Welt und entwickeln im Idealfall eine Frustrationstoleranz. Denn wir lernen: Von nix – kommt nix.
Prokrastination und Depression: Ein gefährlicher Kreislauf
Bei Menschen, die stark unter Prokrastination und deren langfristigen Folgen leiden, hat dieser Lernprozess nicht oder nur unzureichend stattgefunden. Das hat oft schwerwiegende psychische, finanzielle und soziale Folgen. Der Berg an Arbeit wächst, die Miete wird nicht überwiesen, Projekte im Job scheitern, das Selbstvertrauen sinkt in den Keller.
Wenn sich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit einschleicht – das Gefühl, „nie etwas gebacken zu bekommen“ oder „immer die Person zu sein, die versagt“ – kann daraus eine Depression oder Angststörung entstehen. Der chronische Stress im Studium oder Beruf führt zu einer psychischen Belastung, die das Selbstbild stark angreifen kann.
Manchmal ist Prokrastination auch ein „Beiboot“ anderer Diagnosen wie ADHS. Es lohnt sich also immer, genau hinzuschauen.
Prokrastination überwinden: Raus aus der Aufschieberitis!
In meiner Praxis in Hamburg-Hoheluft arbeite ich mit meinen Klient:innen an der Erhöhung ihrer Frustrations- oder Unlusttoleranz. Es geht darum, fehlerhafte Überzeugungen zu entlarven und umzudeuten – zum Beispiel Sätze wie: „Ich muss mich erst in Stimmung fühlen, um anzufangen“ oder „Das Leben sollte immer leicht und einfach sein“.
Die Wahrheit ist: Unlust überwinden gehört zum Erfolg dazu. Das Lernziel ist, die kurzfristige Unlust aushalten zu lernen, um die langfristigen Ziele zu erreichen.
Strategien und Übungen für dich:
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- Den „Katastrophen-Check“ machen: Frage dich bei der nächsten Aufgabe: „Ist diese Unlust wirklich unerträglich? Oder ist sie einfach nur extrem lästig?“ Wir bewerten Anstrengung oft als lebensbedrohlich, dabei ist sie nur unbequem.
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- Die „Nur-Anfangen“-Strategie: Verpflichte dich zu nur 5 Minuten Arbeit. Mehr nicht. Der Widerstand ist beim ersten Schritt am größten. Sobald der Motor läuft, sinkt die Unlust-Kurve meist rapide ab.
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- Motivation schaffen (Der Wett-Einsatz): Eine meiner Lieblingsübungen: Packe einen 100-Euro-Schein und eine Liste mit Aufgaben, die du bis zu einem bestimmten Termin erledigt haben willst, in einen Umschlag. Gib ihn einer Person deiner Wahl. Diese Person darf das Geld behalten, solltest du die Aufgaben nicht fristgerecht erledigt haben.
Fazit: Du bist nicht faul – du bist menschlich
Prokrastination ist kein Charakterfehler. Es ist ein biologischer Reflex, den wir mit psychologischem Know-how und Training in den Griff bekommen können.
Wenn du das Gefühl hast, dass der Berg zu groß geworden ist und die Hoffnungslosigkeit anklopft, ist es keine Schande, professionelle Unterstützung zu suchen. Gemeinsam sortieren wir die Steine und bauen daraus einen Weg.
Du möchtest lernen, wie du deine Unlusttoleranz stärkst und deine Ziele erreichen kannst? Dann melde dich gerne für ein Erstgespräch bei mir.
